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Marianne Krüll                                                                                                                         
Die Geburt ist nicht der Anfang.                                                                                      
             
Die ersten Kapitel unseres Lebens - neu erzählt                                                            

327 S. Mit 48 Fotos und Abbildungen.
Erstauflage: Ernst Klett Verlag - J.G. Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart 1989.     
ISBN 3-608-95696-4 (2. und 3. Auflage 1990).

Unveränderte Auflage als "Greif-Buch": Klett-Cotta, Stuttgart 1992.
ISBN 3-608-958681

4. durchgesehene Auflage mit neuem Vorwort: Klett-Cotta, Stuttgart 1997
ISBN 3-608-91877-9.

Vollständig überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe                                             geburt 2009 cover kl
unter Mitarbeit von Flora Frank
394 Seiten, gebunden, mit 45 Fotos und Abbildungen und einem Glossar.
Klett-Cotta, Stuttgart 2009 (August).
ISBN 978-3-608-94556-0.

Inhaltsverzeichnis und  Verlagsankündigung der Neuausgabe 2009 

 Aus dem Vorwort zur 4. Auflage 1997    Rezensionen

 

 
 

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Inhaltsverzeichnis der Neuauflage von 2009:

Einleitung
Dank
 
Kapitel 1: Vom Anfang bis zum Embryo - die ersten acht Lebenswochen
  Die ersten sensomotorischen Verbindungen
  Das "Urgehirn" und die übrigen Teile des embryonalen Zentralnervensystems
  Schlußfolgerungen: Die Welt des Embryo
DIALOG I: Die Gentechnologie und wir
 
Kapitel 2: Mensch-Sein als Fötus - von der achten Woche bis zur Geburt
  Die motorischen und sensorischen Fähigkeiten des Fötus
  Das Zentralnervensystem des Fötus - Die Kortex-Entwicklung
  "Tiefenkommunikation" zwischen Mutter und Fötus - das vorgeburtliche Bonding
  Schlußfolgerungen: Die Welt des Fötus
DIALOG II: Was ist "Vererbung"?
DIALOG III: Zur Abtreibung
 
Kapitel 3: Die Geburt
  Veränderungen der Sinneswahrnehmungen während und kurz nach der Geburt
  "Tiefenkommunikation" - Das Bonding
  Das Zentralnervensystem während und kurz nach der Geburt
  Formen der Geburt
  Schlußfolgerungen: Die neue Welt nach der Geburt - Die Bedeutung der "Geburtskultur"
    für das Individuum und die Gesellschaft
DIALOG IV: Ein Brief an meine Kinder
 
Kapitel 4: Mensch-Sein vor der Sprache
  Das erste Lebensjahr in unserer Kultur
  Neurophysiologische Veränderungen in der vorsprachlichen Phase
  Mißhandlung und Vernachlässigung
  Das erste Lebensjahr auf Bali
  Schlußfolgerungen: Sozialisation in der vorsprachlichen Zeit und ihre
    Bedeutung für das Individuum und die Gesellschaft
DIALOG V: Über den Triebbegriff
 
Kapitel 5: Mensch-Sein in der Sprache
  Anatomische und neurophysiologische Voraussetzungen der Sprachfähigkeit
  Der Spracherwerb
  Die durch Sprache entstehenden Welten
  Sprache: Ursache und Weg zur Heilung psychischer Störungen
  Schlußfolgerungen: Sozialisation durch Sprache und ihre
    Bedeutung für das Individuum und die Gesellschaft
DIALOG VI: Von Müttermythen und Männermacht
 
Kapitel 6: Schluß: Ein neues Menschenbild
DIALOG VII: Gibt es Hoffnung?
 
Anmerkungen
Glossar
Nachweis der Abbildungen
Literatur

 
 

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Verlagsankündigung der Neuauflage von 2009
:

Vom ersten Moment unseres embryonalen Daseins an stehen wir im Austausch mit unserer Umgebung. Wie entscheidend unser gesamtes Leben von unseren vorgeburtlichen und vorsprachlichen Erfahrungen geprägt wird, führt uns Marianne Krüll eindrücklich vor Augen: Ein überzeugendes Plädoyer für eine bewusste Rückbesinnung auf unsere früheste Erlebniswelt.

Anschaulich beschreibt das Buch, wie unser vorgeburtliches Leben, die Geburt und die ersten nachgeburtlichen Monate die Grundlage für unseren Zugang zur Welt bilden. Neueste Ultraschall- und gehirndiagnostische Verfahren gestatten uns faszinierende Einblicke in das Leben als Embryo und Fötus.
Marianne Krüll begleitet ihre Leserinnen und Leser auf einer Reise zu den Ursprüngen der eigenen Menschwerdung. Sie setzt sich dabei kritisch mit der klinischen High-Tech Geburtshilfe sowie den Fragen der Gentechnik und der Reproduktionsmedizin auseinander. Leidenschaftlich plädiert sie für ein ganzheitliches Menschenbild, das Körper, Geist, Selle und die soziale Umwelt in Einklang bringt.

"Das Buch wird verdientermaßen weite Kreise ziehen - zum Wohle vieler (noch ungeborener) Kinder und ihrer Mütter und Väter." Theresia Maria de Jong, Kommuniationswissenschaftlerin und Autorin.

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Aus dem Vorwort der Autorin zur vierten Auflage 1997:

Ich freue mich, daß dieses Buch nach acht Jahren in einer Neuauflage erscheint, ist dies doch ein Zeichen für das wachsende Interesse an meiner Geschichte des Mensch-Werdens. Das gibt mir wieder neue Zuversicht, daß die von mir angestrebte Veränderung unseres Menschenbildes hin zu mehr Einfühlung und sozialer Verantwortung für die Behandlung unserer ungeborenen und neugeborenen Kinder doch voranschreitet.
In den letzten Jahren habe ich nämlich den Eindruck des genauen Gegenteils gewonnen: Gewinnbringende High-Technology in der vorgeburtlichen Betreuung und Geburtshilfe scheint zuzunehmen; es gibt viele Fälle von Verunglimpfung und sogar strafrechtlicher Verfolgung von ÄrztInnen und Hebammen, die sanfte Methoden der Geburt und Neugeborenenversorgung anwenden; Hausgeburten werden als bedrohlich dargestellt, die nachweisbaren Gefahren von Klinikgeburten dagegen verschwiegen; die Eigenverantwortung der Schwangeren und Gebärenden wird weiterhin zugunsten eines Machtzuwachses von - überwiegend männlichen - "Experten" zurückgedrängt ...
Ich bedaure auch sehr, daß die von mir im vorliegenden Buch aufgezeigten Zusammenhänge zwischen der bei uns vorherrschenden Geburts-"Un"-Kultur und gesamtgesellschaftlichen Problemen wie Gewalt an Kindern, Zunahme von Suchtverhalten, generelles Ansteigen von irrationaler Angst, Sinn-Entleerung unserer Beziehungen - um nur einige zu nennen - viel zu wenig beachtet werden.
Vielleicht handelt es sich dabei aber auch nur um ein Wellen-Tief, das bald überwunden ist. Denn auch die vielen positiven Entwicklungen sind nicht zu übersehen: Veränderungen bei Frauen und auch bei immer mehr Männern der jüngeren Generation bezüglich ihrer Rollen in Familie und Gesellschaft; wachsendes kritisches Bewußtsein gegenüber Gewalt und Mißbrauch; zunehmendes ganzheitliches Denken ...
Möge mein Buch zu solchen Entwicklungen weiter beitragen!

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Aus Rezensionen der ersten Auflagen:

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" März 1990. Willi Köhler:
Was ist das Ungewöhnliche (an Marianne Krülls neuem Buch)? Die Zusammenstellung aktueller Forschungsergebnisse, empirisch erhobener biologischer Befunde, gründlicher Literaturrecherchen, persönlicher Bekenntnisse und wertender Betrachtungen. Auf kompakte wissenschaftliche Passagen folgen stets "Dialoge" der Autorin mit fiktiven Gesprächspartnern, Einschübe, in denen ethische, soziale und politische Folgerungen aus dem eben Dargestellten verhandelt werden.
Auch in diesem Buch, wie schon in ihren früheren, greift Marianne Krüll das Thema der gesellschaftlich produzierten Menschenbilder auf. Nach ihrer Ansicht sind auch die Einstellungen zur Geburt und zur intrauterinen Entwicklung des Ungeborenen von den jeweils sozial vereinbarten Menschenbildern geprägt. ... Sie (schlagen sich) nicht nur im Verhalten gegenüber dem "werdenden" Menschen nieder, sondern auch im wissenschaftlichen Interesse an den Entwicklungsvorgängen im Mutterleib.
Marianne Krüll will die " Geschichte" der Menschwerdung "neu erzählen", neu nicht nur in dem Sinne, daß sie alles zusammenträgt, was die humanbiologische Forschung zutage gefördert hat, neu auch in dem Sinne, daß sie "rekursiv" erzählt, d.h. sich als Erzählerin nicht auf Distanz hät, sondern als Betroffene "einbringt". ...
Bereits im Mutterleib ist der Mensch mehr Mensch, als wir im allgemeinen annehmen. So ist der Embryo in den ersten acht Wochen bereits Körper, wogegen der Fötus, als das Ungeborene bis zur Geburt, seinen Körper schon fühlt. In der Embryonalzeit bilden sich die meisten Körperfunktionen aus, in der Fötalzeit entwickelt sich vor allem das Großhirn, dieses rätselhafte Gebilde, das die Wissenschaft gerade erst zu erkunden beginnt. Nach allem, was wir heute wissen, wird das Gehirn nicht von Genen strukturiert, sondern ist, so die Autorin, eine Art "Bio-Computer", der neben der "Datenspeicherung" noch sein "Programm" selbst zu programmieren weiß, und zwar anhand der Erfahrungen, die er macht. Die Erfahrungen im Mutterleib werden für das Ungeborene zu einer Art "Orientierungskarte" von der Welt, eine Vorstellung, die zeigt, wie entscheidend die vorgeburtliche Entwicklung ist.
Die "Geburtskultur" wird auch mitgeprägt von dem Bild, das sich die Gesellschaft von dem Ereignis macht: Wird die Geburt als "gefährliche Krankheit" angesehen, die es durchzustehen gilt, so wird man mit ihr anders umgehen als in einer Gesellschaft, in der das Kind unter allgemeiner freudiger Anteilnahme zur Welt kommt, wie etwa auf Bali, dessen menschenfreundliche Kultur die Autorin des öfteren zum Vergleich heranzieht. In unserer Gesellschaft, in der die Klinikgeburt zum Standard geworden ist, kommen fast alle Menschen "gedopt" zur Welt, nämlich unter Einfluß von Medikamenten,
Die jeweilige "Geburtskultur" legt nach Krüll schließlich auch den sogenannten Volkscharakter fest. In von Gewalt durchdrungenen Gesellschaften, wie den westlichen, könne auch der Geburtsvorgang nur von Elementen der Gewalt belastet sein, die ihrerseits zur Konstituierung eines entsprechenden Sozialcharakters beitrügen. ... Auch in der vorsprachlichen Zeit ... nehmen Kinder im Sinne einer "Tiefenkommunikation" den atmosphärischen Kontext von Situationen wahr.
Als feministische Autorin kann Marianne Krüll nicht umhin, zum Thema Abtreibung Stellung zu nehmen. Nach ihrer "Neuerzählung" der ersten Kapitel unseres Lebens ist Abtreibung zwangsläufig Tötung, die allerdings nicht allein der Frau anzulasten sei, sondern der Gesellschaft insgesamt, die sich in "scheinheiliger Heuchelei" über ihr allgemeines Gewaltpotential hinwegtäusche. Das Fazit der Autorin, zugleich düstere Analyse wie Appell: "Wenn sich in unserem Kulturkreis ein Menschenbild entwickelt hat ..., das mehr oder weniger nur den erwachsenen Menschen umfaßt, dann können die Menschen bei uns auch ihre Verbundenheit mit dem Ursprung, im weitesten Sinne mit der Natur, nicht mehr erkennen."

"intra" März 1990. Gabriella Selva:
Die Autorin rückt in diesem Buch einen Lebensabschnitt in den Fokus der Aufmerksamkeit, dem in den meisten psychologischen Betrachtungen über den Menschen wenig Beachtung geschenkt wird: das vorsprachliche Leben als Fötus, Säugling und Kleinkind. Dann zeigt sie, welch drastische Änderungen mit dem Eintritt in die Sprache verbunden sind. Im Untertitel verspricht sie, diese ersten Kapitel unseres Lebens neu zu erzählten. Sie hält dieses Versprechen gleich zweifach: Einmal, indem sie das Mensch-Werden als ihre persönliche Geschichte erzählt ... (und indem sie einen) rückbezüglichen Denkstil (anwendet), d.h. die Einsicht (hat), dass das Denken und Erkennen eines Menschen immer mit seiner Geschichte zusammenhängt.

"Schweizer Hebamme" April 1994. Lisa Frankhauser:
Marianne Krüll erzählt in ihrem Buch über die Entwicklung während der Monate im Bauche unserer Mutter und der darauffolgenden vorsprachlichen Zeit unseres Lebens. Während der Lektüre dieses Buches entstand wirklich ein Kind, mit jeder weiter gelesenen Seite wurde es grösser und reifer: Sich entwickelnde Augen wurden sehend, Ohren hörend, die Hände und Füsse tastend und fühlend ... Schon als Embryo stehen wir laut Marianne Krüll unter dem Einfluss unserer Umgebung. Diese Gedanken sind sicherlich für viele Hebammen nicht neu. ... Neu aber war ... die Einsicht, dass sich diese Umgebung auch körperlich, in unserem Nervensystem nämlich, niederschlägt. ... So gibt es also nicht Anlage und Umwelt oder, anders gesagt, Vererbung oder Einfluss der Gesellschaft auf den Lebenslauf eines jeden Individuums. ... das eine ist ohne das andere nicht denkbar ... die Lebensgeschichte eines jeden von uns ist einerseits festgelegt, ... andererseits auch flexibel und offen. ... Marianne Krülls Buch ist nicht nur Fachlektüre, es ist ein Lesevergnügen zugleich. Dass es ihr gelungen ist, Fachwissen als spannende Geschichte zu erzählen, die alle von uns erlebt haben, macht das Buch äusserst wertvoll. Den Hebammen, Müttern, Vätern und anderen Wissbegierigen sei es als eine packende Geschichte ... empfohlen.

"Psychologie Heute" Januar 1990. Dagmar Metzger:
Für Marianne Krüll gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Geburtskultur und "Volkscharakter" im Sinne spezifischer kollektiver Persönlichkeitsmuster. ... Die Geburt als alles entscheidendes Erlebnis im menschlichen Leben? ... An diesem Punkt bringt Marianne Krüll die Sprache ins Spiel: ... sie ermöglicht nach Marianne Krülls Meinung die Chance, Verwirrungen und Defizite aus der vorsprachlichen Zeit zu überwinden. ... Ihr Buch enthält nicht nur den bemerkenswerten Ansatz einer Theorie vorgeburtlicher und frühkindlicher Sozialisation, sondern auch eine stringente, aber dennoch umfassende Zusammenfassung der wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Zeit zwischen Zeugung und Spracherwerb des Kleinkindes.

"Neue Zürcher Zeitung" März 1990. O.N.:
Marianne Krüll erzählt ihre Geschichte des Menschwerdens in der Wir- oder Ich-Form, und sie erzählt sorgfältig und liebevoll. Selbst komplizierte physiologische oder neurologische Zusammenhänge werden für den Laien verstehbar ... Ihr Bericht kann als eine spannende Reise durch die menschliche Vor- und Frühzeit charakterisiert werden.

"Wir Eltern" Juli 1989. Silvia Hoffmann:
"Die Geburt ist der Start in ein neues Leben. Was war davor? Es war etwas vollkommen anderes. So verschieden von dem draussen, dass wir es uns kaum vorstellen können. Und doch war das der wahre Anfang unseres Lebens. ... Wir erinnern uns nicht bewusst daran, weil die Spuren überlagert sind von allem, was später hinzugekommen ist. Aber wir können versuchen, uns das auszumalen, uns ein genaueres Bild davon machen, mit Hilfe der Informationen, die aus der pränatalen Forschung seit einigen Jahren bekannt sind.
Marianne Krüll, Soziologin an der Universität Bonn und seit acht Jahren mit diesem Thema beschäftigt, (beschreibt) die sinnlichen Wahrnehmungen und Befindlichkeiten eines Kindes im Uterus. ...
Es ist (jedoch) nicht richtig, dass alles, was in der pränatalen Phase, bei der Geburt, in der frühen Säuglingszeit passiert, so endgültig prägend und nicht wiedergutzumachen für einen Menschen ist. (Die Autorin zitiert) Alfred Tomatis, (der) mit seinen aufsehenerregenden Therapieerfolgen bei autistischen Kilndern das Gegenteil bewiesen (hat). Indem er mit dem sogenannten "Elektronischen Ohr" den vollkommen in sich selbst zurückgezogenen Kindern die Stimme ihrer Mutter so gefiltert vorspielte, wie sie diese während der Schwangerschaft gehört haben, führte er sie langsam auf die Geburt zu und liess sie den Akt des Geborenwerdens akustisch noch einmal erleben. In der Folge blühten diese Kinder auf, begannen, Kontakt mit ihrer Umwelt aufzunehmen! Es ist möglich, sagt Marianne Krüll, Erinnerungen aus der pränatalen Phase in die nachgeburtliche Phase herüberzuholen und das, was gespeichert war, umzustrukturieren.

"Familiendynamik - Interdisziplinäre Zeitschrift für systemorientierte Theorie und Praxis" Juli 1990. Jürgen Hargens:
Schon immer hat sich Marianne Krüll dafür stark gemacht, Forschung in allen Wissenschaften psycho-soziologisch zu begreifen, die Zusammenhänge zwischen theoretischen Entwürfen und Theoretikern zu sehen und als wesentliches Element der Wissenschaft zu berücksichtigen. Und da nimmt Krüll sich selber nicht aus - sie hat jetzt "ihre" Geschichte geschrieben ... Herausgekommen ist eine faszinierende Reise durch die Geheimnisse der Menschwerdung. ...
In ihre Geschichte der vorgeburtlichen Entwicklung integriert Krüll vorhandene Erkenntnisse zu einem neuen Ganzen. Sie "versetzt" sich nicht einfach in den Embryo oder Fötus hinein/zurück, sondern beschreibt, ... welche Möglichkeiten denkbar sind und welche Fragen "Wissenschaft" nicht hat beantworten können. ... Krüll weist immer wieder darauf hin, daß wir Teil eines Musters sind, das weit über uns hinausreicht - Muster von Mustern, Programmierung der Programmierung, Steuerung der Steuerung-: diese rekursiven Prozesse kennzeichnen unsere Entwicklung, ... finden aber in der traditionellen männlichen Wissenschaft kaum Erwähnung. ... Mögen diese Geschichten, das ist der Wunsch des Rezensenten, viele andere Geschichten gebären, in Bescheidenheit, Demut und Ehrfurcht "vor dem Nicht-Kontrollierbaren, Nicht-Machbaren, dem Unnennbaren, das wir nie erfassen und erkennen können, eben weil wir Menschen sind".

"COSMOPOLITAN" Dezember 1989. Auszüge aus einem Interview mit Marlet Schaake:
(Vorbemerkung:) Marianne Krüll, Soziologin, Dozentin an der Universität Bonn, Autorin verschiedener Bücher und Mutter zweier Töchter, hat ein Buch über die pränatale Phase geschrieben. Acht Jahre recherchierte die Autorin, interviewte Fachleute in Europa und Amerika, beschäftigte sich intensiv mit Medizin, im speziellen mit Neurophysiologie, schaute sich Film- und Ultraschallmaterial über das Leben im Mutterleib an. Marianne Krülls Buch ist keine trockene wissenschaftliche Abhandlung, sondern beinahe ein Abenteuerroman, eine Entdeckungsreise zu den allerersten Wurzeln des Ichs. ...
(Marlet Schaake:) Sie wollen aufklären?
(Marianne Krüll:) Ich wünsche mir, daß mein Buch andere Menschen anregt, sich ihre Geschichte auch einmal so zu erzählen. Denn viele Probleme, mit denen wir uns später im Leben herumschlagen, bekommen eine andere Wendung oder sogar eine Lösung, wenn wir das vorgeburtliche Leben mit unserem Jetzt in Zusammenhang bringen. ...
(M.S.:) Ist also nicht alles genetisch festgelegt, vererbt, unkorrigierbar?
(M.K.:) Die Diskussion, ob "Anlage" oder "Umwelt" für die Entwicklung des Menschen entscheiden, wird hinfällig, wenn wir die Menschwerdung mit dem vorgeburtlichen Leben beginnen. Es geht nämlich ... darum, sich ein Bild davon zu machen, wie unendlich flexibel die Natur des Menschen ist, wie wir schon als Embryo unter dem Einfluß unserer Umgebung zu einem bestimmten Organismus mit bestimmten "Bedürfnissen" werden, wie ... unser Nervensystem ... und unsere Sinne sich durch die Aufnahme von Reizen verändern und strukturieren.
(M.S.:) Sie meinen, daß unsere Entwicklung im Uterus hauptsächlich durch Stimulation erfolgt?
(M.K.:) ... Bis vor wenigen Jahren glaubte man, daß das menschliche Zentralnervensystem erst voll funktionsfähig ist, nachdem es gemäß dem genetischen Programm fertig aufgebaut, gereift ist. Heute weiß man, daß das Gehirn sich überhaupt nur durch Stimulation ausbildet. Das ist eine neue und wichtige Erkenntnis. Denn sie heißt ja: Nichts ist von vornherein eindeutig festgelegt.
(M.S.:) Warum halten dann viele Wissenschaftler an der Vererbungstheorie fest?
(M.K.:) Weil sie so bequem und einfach ist. Sie gibt auf alles eine Antwort. Wenn man irgendein Verhalten nicht vesteht: Vererbung. Man braucht keine zwischenmenschlichen Zusammenhänge mehr zu erkennen, braucht sich nicht verantwortlich zu fühlen. Bequemer geht's nicht!
(M.S.:) Welche Erfahrungen machen wir denn nun im Mutterleib?
(M.K.:) Mit Hilfe des Ultraschalls hat man gesehen, daß Föten ab der siebenten Woche Arme und Beine strecken, ... ab der zehnten Woche sind Saug- und Schluckbewegungen zu sehen. ... Eine der eindrucksvollsten Bewegungen ist der Purzelbaum. ... Sehr deutlich auch die Eigenstimulation durch Hände am Mund. ... Kinder hören im Bauch die Stimme ihrer Mutter. ... Sie nehmen schon als Ungeborene musikalische Muster auf und speichern sie. ...
(M.S.:) Welche Auswirkungen hat das Verhalten der Mutter?
(M.K.:) Eine lebhafte, aktive Mutter liefert dem Kind andere Muster als eine körperlich passive. Entscheidend ist auch, wie eine Frau zu ihrer Schwangerschaft eingestellt ist, ob sie ungewollt ist oder die beglückende Erfüllung ihrer Wünsche; ... wie ihre gesamte Lebenssituation ist. ... Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist eine Art "Tiefenkommunikation". Es handelt sich einerseits um hormonale und auf andere Weise biochemisch übermittelte körperliche Zustände, außerdem aber um eine Kommunikation, für die es keine rationale Erklärung gibt. ... Man hält es zum Beispiel für möglich, daß sie gemeinsam zu einer "Übereinkunft" über den Zeitpunkt der Geburt kommen. ...
(M.S.:) Schütten Sie mit Ihrem Buch nicht Wasser auf die Mühlen der Abtreibungsgegner?
(M.K.:) Zu wissen, wie lebendig der Fötus im Mutterleib ist, müßte uns alle mobilisieren, Sorge dafür zu tragen, daß Frauen nicht ungewollt schwanger werden. Außerdem finde ich, daß eine Frau, die sich zum Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft entschließt, weil sie die Verantwortung für ein Kind angesichts der Menschenfeindlichkeit unserer Welt nicht übernehmen will, verantwortungsvoller handelt als diejenigen, die sie deshalb anprangern. ... Ein Kind, das seinen Eltern, besonders seiner Mutter eine Last ist, kann nur in Ausnahmefällen zu einem Menschen heranwachsen, der mit sich und der Welt eins ist. Mein Buch ist ein Versuch, diese Zusammenhänge deutlich zu machen.

 
 
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