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Verlagsankündigung der Neuauflage von 2009:
Vom ersten Moment unseres embryonalen Daseins an stehen wir im
Austausch mit unserer Umgebung. Wie entscheidend unser gesamtes Leben
von unseren vorgeburtlichen und vorsprachlichen Erfahrungen
geprägt wird, führt uns Marianne Krüll eindrücklich
vor Augen: Ein überzeugendes Plädoyer für eine bewusste
Rückbesinnung auf unsere früheste Erlebniswelt.
Anschaulich beschreibt das Buch, wie unser vorgeburtliches
Leben, die Geburt und die ersten nachgeburtlichen Monate die Grundlage
für unseren Zugang zur Welt bilden. Neueste Ultraschall- und
gehirndiagnostische Verfahren gestatten uns faszinierende Einblicke in
das Leben als Embryo und Fötus.
Marianne Krüll begleitet ihre Leserinnen und Leser auf einer Reise
zu den Ursprüngen der eigenen Menschwerdung. Sie setzt sich dabei
kritisch mit der klinischen High-Tech Geburtshilfe sowie den Fragen der
Gentechnik und der Reproduktionsmedizin auseinander. Leidenschaftlich
plädiert sie für ein ganzheitliches Menschenbild, das
Körper, Geist, Selle und die soziale Umwelt in Einklang bringt.
"Das Buch wird verdientermaßen weite Kreise ziehen - zum
Wohle vieler (noch ungeborener) Kinder und ihrer Mütter und
Väter." Theresia Maria de Jong, Kommuniationswissenschaftlerin und
Autorin.
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Aus dem Vorwort der Autorin zur vierten Auflage 1997:
Ich freue mich, daß
dieses Buch nach acht Jahren in einer Neuauflage erscheint, ist dies doch
ein Zeichen für das wachsende Interesse an meiner Geschichte des
Mensch-Werdens. Das gibt mir wieder neue Zuversicht, daß die von
mir angestrebte Veränderung unseres Menschenbildes hin zu mehr Einfühlung
und sozialer Verantwortung für die Behandlung unserer ungeborenen
und neugeborenen Kinder doch voranschreitet.
In den letzten Jahren habe ich nämlich den Eindruck des genauen Gegenteils
gewonnen: Gewinnbringende High-Technology in der vorgeburtlichen Betreuung
und Geburtshilfe scheint zuzunehmen; es gibt viele Fälle von Verunglimpfung
und sogar strafrechtlicher Verfolgung von ÄrztInnen und Hebammen,
die sanfte Methoden der Geburt und Neugeborenenversorgung anwenden; Hausgeburten
werden als bedrohlich dargestellt, die nachweisbaren Gefahren von Klinikgeburten
dagegen verschwiegen; die Eigenverantwortung der Schwangeren und Gebärenden
wird weiterhin zugunsten eines Machtzuwachses von - überwiegend männlichen
- "Experten" zurückgedrängt ...
Ich bedaure auch sehr, daß die von mir im vorliegenden Buch aufgezeigten
Zusammenhänge zwischen der bei uns vorherrschenden Geburts-"Un"-Kultur
und gesamtgesellschaftlichen Problemen wie Gewalt an Kindern, Zunahme
von Suchtverhalten, generelles Ansteigen von irrationaler Angst, Sinn-Entleerung
unserer Beziehungen - um nur einige zu nennen - viel zu wenig beachtet
werden.
Vielleicht handelt es sich dabei aber auch nur um ein Wellen-Tief, das
bald überwunden ist. Denn auch die vielen positiven Entwicklungen
sind nicht zu übersehen: Veränderungen bei Frauen und auch bei
immer mehr Männern der jüngeren Generation bezüglich ihrer
Rollen in Familie und Gesellschaft; wachsendes kritisches Bewußtsein
gegenüber Gewalt und Mißbrauch; zunehmendes ganzheitliches
Denken ...
Möge mein Buch zu solchen Entwicklungen weiter beitragen!
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Aus Rezensionen der ersten Auflagen:
"Frankfurter
Allgemeine Zeitung" März 1990. Willi Köhler:
Was ist das Ungewöhnliche (an Marianne Krülls neuem Buch)? Die
Zusammenstellung aktueller Forschungsergebnisse, empirisch erhobener biologischer
Befunde, gründlicher Literaturrecherchen, persönlicher Bekenntnisse
und wertender Betrachtungen. Auf kompakte wissenschaftliche Passagen folgen
stets "Dialoge" der Autorin mit fiktiven Gesprächspartnern,
Einschübe, in denen ethische, soziale und politische Folgerungen
aus dem eben Dargestellten verhandelt werden.
Auch in diesem Buch, wie schon in ihren früheren, greift Marianne
Krüll das Thema der gesellschaftlich produzierten Menschenbilder
auf. Nach ihrer Ansicht sind auch die Einstellungen zur Geburt und zur
intrauterinen Entwicklung des Ungeborenen von den jeweils sozial vereinbarten
Menschenbildern geprägt. ... Sie (schlagen sich) nicht nur im Verhalten
gegenüber dem "werdenden" Menschen nieder, sondern auch
im wissenschaftlichen Interesse an den Entwicklungsvorgängen im Mutterleib.
Marianne Krüll will die " Geschichte" der Menschwerdung
"neu erzählen", neu nicht nur in dem Sinne, daß sie
alles zusammenträgt, was die humanbiologische Forschung zutage gefördert
hat, neu auch in dem Sinne, daß sie "rekursiv" erzählt,
d.h. sich als Erzählerin nicht auf Distanz hät, sondern als
Betroffene "einbringt". ...
Bereits im Mutterleib ist der Mensch mehr Mensch, als wir im allgemeinen
annehmen. So ist der Embryo in den ersten acht Wochen bereits Körper,
wogegen der Fötus, als das Ungeborene bis zur Geburt, seinen Körper
schon fühlt. In der Embryonalzeit bilden sich die meisten Körperfunktionen
aus, in der Fötalzeit entwickelt sich vor allem das Großhirn,
dieses rätselhafte Gebilde, das die Wissenschaft gerade erst zu erkunden
beginnt. Nach allem, was wir heute wissen, wird das Gehirn nicht von Genen
strukturiert, sondern ist, so die Autorin, eine Art "Bio-Computer",
der neben der "Datenspeicherung" noch sein "Programm"
selbst zu programmieren weiß, und zwar anhand der Erfahrungen, die
er macht. Die Erfahrungen im Mutterleib werden für das Ungeborene
zu einer Art "Orientierungskarte" von der Welt, eine Vorstellung,
die zeigt, wie entscheidend die vorgeburtliche Entwicklung ist.
Die "Geburtskultur" wird auch mitgeprägt von dem Bild,
das sich die Gesellschaft von dem Ereignis macht: Wird die Geburt als "gefährliche
Krankheit" angesehen, die es durchzustehen gilt, so wird man mit
ihr anders umgehen als in einer Gesellschaft, in der das Kind unter allgemeiner
freudiger Anteilnahme zur Welt kommt, wie etwa auf Bali, dessen menschenfreundliche
Kultur die Autorin des öfteren zum Vergleich heranzieht. In unserer
Gesellschaft, in der die Klinikgeburt zum Standard geworden ist, kommen
fast alle Menschen "gedopt" zur Welt, nämlich unter Einfluß
von Medikamenten,
Die jeweilige "Geburtskultur" legt nach Krüll schließlich
auch den sogenannten Volkscharakter fest. In von Gewalt durchdrungenen
Gesellschaften, wie den westlichen, könne auch der Geburtsvorgang
nur von Elementen der Gewalt belastet sein, die ihrerseits zur Konstituierung
eines entsprechenden Sozialcharakters beitrügen. ... Auch in der
vorsprachlichen Zeit ... nehmen Kinder im Sinne einer "Tiefenkommunikation"
den atmosphärischen Kontext von Situationen wahr.
Als feministische Autorin kann Marianne Krüll nicht umhin, zum Thema
Abtreibung Stellung zu nehmen. Nach ihrer "Neuerzählung"
der ersten Kapitel unseres Lebens ist Abtreibung zwangsläufig Tötung,
die allerdings nicht allein der Frau anzulasten sei, sondern der Gesellschaft
insgesamt, die sich in "scheinheiliger Heuchelei" über
ihr allgemeines Gewaltpotential hinwegtäusche. Das Fazit der Autorin,
zugleich düstere Analyse wie Appell: "Wenn sich in unserem Kulturkreis
ein Menschenbild entwickelt hat ..., das mehr oder weniger nur den erwachsenen
Menschen umfaßt, dann können die Menschen bei uns auch ihre
Verbundenheit mit dem Ursprung, im weitesten Sinne mit der Natur, nicht
mehr erkennen."
"intra" März 1990. Gabriella Selva:
Die Autorin rückt in diesem Buch einen Lebensabschnitt in den Fokus
der Aufmerksamkeit, dem in den meisten psychologischen Betrachtungen über
den Menschen wenig Beachtung geschenkt wird: das vorsprachliche Leben
als Fötus, Säugling und Kleinkind. Dann zeigt sie, welch drastische
Änderungen mit dem Eintritt in die Sprache verbunden sind. Im Untertitel
verspricht sie, diese ersten Kapitel unseres Lebens neu zu erzählten.
Sie hält dieses Versprechen gleich zweifach: Einmal, indem sie das
Mensch-Werden als ihre persönliche Geschichte erzählt ... (und
indem sie einen) rückbezüglichen Denkstil (anwendet), d.h. die
Einsicht (hat), dass das Denken und Erkennen eines Menschen immer mit
seiner Geschichte zusammenhängt.
"Schweizer
Hebamme" April 1994. Lisa Frankhauser:
Marianne Krüll erzählt in ihrem Buch über die Entwicklung
während der Monate im Bauche unserer Mutter und der darauffolgenden
vorsprachlichen Zeit unseres Lebens. Während der Lektüre dieses
Buches entstand wirklich ein Kind, mit jeder weiter gelesenen Seite wurde
es grösser und reifer: Sich entwickelnde Augen wurden sehend, Ohren
hörend, die Hände und Füsse tastend und fühlend ...
Schon als Embryo stehen wir laut Marianne Krüll unter dem Einfluss
unserer Umgebung. Diese Gedanken sind sicherlich für viele Hebammen
nicht neu. ... Neu aber war ... die Einsicht, dass sich diese Umgebung
auch körperlich, in unserem Nervensystem nämlich, niederschlägt.
... So gibt es also nicht Anlage und Umwelt oder, anders gesagt, Vererbung
oder Einfluss der Gesellschaft auf den Lebenslauf eines jeden Individuums.
... das eine ist ohne das andere nicht denkbar ... die Lebensgeschichte
eines jeden von uns ist einerseits festgelegt, ... andererseits auch flexibel
und offen. ... Marianne Krülls Buch ist nicht nur Fachlektüre,
es ist ein Lesevergnügen zugleich. Dass es ihr gelungen ist, Fachwissen
als spannende Geschichte zu erzählen, die alle von uns erlebt haben,
macht das Buch äusserst wertvoll. Den Hebammen, Müttern, Vätern
und anderen Wissbegierigen sei es als eine packende Geschichte ... empfohlen.
"Psychologie
Heute" Januar 1990. Dagmar Metzger:
Für Marianne Krüll gibt es einen engen Zusammenhang zwischen
Geburtskultur und "Volkscharakter" im Sinne spezifischer kollektiver
Persönlichkeitsmuster. ... Die Geburt als alles entscheidendes Erlebnis
im menschlichen Leben? ... An diesem Punkt bringt Marianne Krüll
die Sprache ins Spiel: ... sie ermöglicht nach Marianne Krülls
Meinung die Chance, Verwirrungen und Defizite aus der vorsprachlichen
Zeit zu überwinden. ... Ihr Buch enthält nicht nur den bemerkenswerten
Ansatz einer Theorie vorgeburtlicher und frühkindlicher Sozialisation,
sondern auch eine stringente, aber dennoch umfassende Zusammenfassung
der wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Zeit zwischen Zeugung
und Spracherwerb des Kleinkindes.
"Neue Zürcher
Zeitung" März 1990. O.N.:
Marianne Krüll erzählt ihre Geschichte des Menschwerdens in
der Wir- oder Ich-Form, und sie erzählt sorgfältig und liebevoll.
Selbst komplizierte physiologische oder neurologische Zusammenhänge
werden für den Laien verstehbar ... Ihr Bericht kann als eine spannende
Reise durch die menschliche Vor- und Frühzeit charakterisiert werden.
"Wir Eltern" Juli 1989. Silvia Hoffmann:
"Die Geburt ist der Start in ein neues Leben. Was war davor? Es war
etwas vollkommen anderes. So verschieden von dem draussen, dass wir es
uns kaum vorstellen können. Und doch war das der wahre Anfang unseres
Lebens. ... Wir erinnern uns nicht bewusst daran, weil die Spuren überlagert
sind von allem, was später hinzugekommen ist. Aber wir können
versuchen, uns das auszumalen, uns ein genaueres Bild davon machen, mit
Hilfe der Informationen, die aus der pränatalen Forschung seit einigen
Jahren bekannt sind.
Marianne Krüll, Soziologin an der Universität Bonn und seit
acht Jahren mit diesem Thema beschäftigt, (beschreibt) die sinnlichen
Wahrnehmungen und Befindlichkeiten eines Kindes im Uterus. ...
Es ist (jedoch) nicht richtig, dass alles, was in der pränatalen
Phase, bei der Geburt, in der frühen Säuglingszeit passiert,
so endgültig prägend und nicht wiedergutzumachen für einen
Menschen ist. (Die Autorin zitiert) Alfred Tomatis, (der) mit seinen aufsehenerregenden
Therapieerfolgen bei autistischen Kilndern das Gegenteil bewiesen (hat).
Indem er mit dem sogenannten "Elektronischen Ohr" den vollkommen
in sich selbst zurückgezogenen Kindern die Stimme ihrer Mutter so
gefiltert vorspielte, wie sie diese während der Schwangerschaft gehört
haben, führte er sie langsam auf die Geburt zu und liess sie den
Akt des Geborenwerdens akustisch noch einmal erleben. In der Folge blühten
diese Kinder auf, begannen, Kontakt mit ihrer Umwelt aufzunehmen! Es ist
möglich, sagt Marianne Krüll, Erinnerungen aus der pränatalen
Phase in die nachgeburtliche Phase herüberzuholen und das, was gespeichert
war, umzustrukturieren.
"Familiendynamik
- Interdisziplinäre Zeitschrift für systemorientierte Theorie
und Praxis" Juli 1990. Jürgen Hargens:
Schon immer hat sich Marianne Krüll dafür stark gemacht, Forschung
in allen Wissenschaften psycho-soziologisch zu begreifen, die Zusammenhänge
zwischen theoretischen Entwürfen und Theoretikern zu sehen und als
wesentliches Element der Wissenschaft zu berücksichtigen. Und da
nimmt Krüll sich selber nicht aus - sie hat jetzt "ihre"
Geschichte geschrieben ... Herausgekommen ist eine faszinierende Reise
durch die Geheimnisse der Menschwerdung. ...
In ihre Geschichte der vorgeburtlichen Entwicklung integriert Krüll
vorhandene Erkenntnisse zu einem neuen Ganzen. Sie "versetzt"
sich nicht einfach in den Embryo oder Fötus hinein/zurück, sondern
beschreibt, ... welche Möglichkeiten denkbar sind und welche Fragen
"Wissenschaft" nicht hat beantworten können. ... Krüll
weist immer wieder darauf hin, daß wir Teil eines Musters sind,
das weit über uns hinausreicht - Muster von Mustern, Programmierung
der Programmierung, Steuerung der Steuerung-: diese rekursiven Prozesse
kennzeichnen unsere Entwicklung, ... finden aber in der traditionellen
männlichen Wissenschaft kaum Erwähnung. ... Mögen diese
Geschichten, das ist der Wunsch des Rezensenten, viele andere Geschichten
gebären, in Bescheidenheit, Demut und Ehrfurcht "vor dem Nicht-Kontrollierbaren,
Nicht-Machbaren, dem Unnennbaren, das wir nie erfassen und erkennen können,
eben weil wir Menschen sind".
"COSMOPOLITAN" Dezember 1989. Auszüge aus einem Interview mit Marlet Schaake:
(Vorbemerkung:) Marianne Krüll, Soziologin, Dozentin an der Universität
Bonn, Autorin verschiedener Bücher und Mutter zweier Töchter,
hat ein Buch über die pränatale Phase geschrieben. Acht Jahre
recherchierte die Autorin, interviewte Fachleute in Europa und Amerika,
beschäftigte sich intensiv mit Medizin, im speziellen mit Neurophysiologie,
schaute sich Film- und Ultraschallmaterial über das Leben im Mutterleib
an. Marianne Krülls Buch ist keine trockene wissenschaftliche Abhandlung,
sondern beinahe ein Abenteuerroman, eine Entdeckungsreise zu den allerersten
Wurzeln des Ichs. ...
(Marlet Schaake:) Sie wollen aufklären?
(Marianne Krüll:) Ich wünsche mir, daß mein Buch andere
Menschen anregt, sich ihre Geschichte auch einmal so zu erzählen.
Denn viele Probleme, mit denen wir uns später im Leben herumschlagen,
bekommen eine andere Wendung oder sogar eine Lösung, wenn wir das
vorgeburtliche Leben mit unserem Jetzt in Zusammenhang bringen. ...
(M.S.:) Ist also nicht alles genetisch festgelegt, vererbt, unkorrigierbar?
(M.K.:) Die Diskussion, ob "Anlage" oder "Umwelt"
für die Entwicklung des Menschen entscheiden, wird hinfällig,
wenn wir die Menschwerdung mit dem vorgeburtlichen Leben beginnen. Es
geht nämlich ... darum, sich ein Bild davon zu machen, wie unendlich
flexibel die Natur des Menschen ist, wie wir schon als Embryo unter dem
Einfluß unserer Umgebung zu einem bestimmten Organismus mit bestimmten
"Bedürfnissen" werden, wie ... unser Nervensystem ... und
unsere Sinne sich durch die Aufnahme von Reizen verändern und strukturieren.
(M.S.:) Sie meinen, daß unsere Entwicklung im Uterus hauptsächlich
durch Stimulation erfolgt?
(M.K.:) ... Bis vor wenigen Jahren glaubte man, daß das menschliche
Zentralnervensystem erst voll funktionsfähig ist, nachdem es gemäß
dem genetischen Programm fertig aufgebaut, gereift ist. Heute weiß
man, daß das Gehirn sich überhaupt nur durch Stimulation ausbildet.
Das ist eine neue und wichtige Erkenntnis. Denn sie heißt ja: Nichts
ist von vornherein eindeutig festgelegt.
(M.S.:) Warum halten dann viele Wissenschaftler an der Vererbungstheorie
fest?
(M.K.:) Weil sie so bequem und einfach ist. Sie gibt auf alles eine Antwort.
Wenn man irgendein Verhalten nicht vesteht: Vererbung. Man braucht keine
zwischenmenschlichen Zusammenhänge mehr zu erkennen, braucht sich
nicht verantwortlich zu fühlen. Bequemer geht's nicht!
(M.S.:) Welche Erfahrungen machen wir denn nun im Mutterleib?
(M.K.:) Mit Hilfe des Ultraschalls hat man gesehen, daß Föten
ab der siebenten Woche Arme und Beine strecken, ... ab der zehnten Woche
sind Saug- und Schluckbewegungen zu sehen. ... Eine der eindrucksvollsten
Bewegungen ist der Purzelbaum. ... Sehr deutlich auch die Eigenstimulation
durch Hände am Mund. ... Kinder hören im Bauch die Stimme ihrer
Mutter. ... Sie nehmen schon als Ungeborene musikalische Muster auf und
speichern sie. ...
(M.S.:) Welche Auswirkungen hat das Verhalten der Mutter?
(M.K.:) Eine lebhafte, aktive Mutter liefert dem Kind andere Muster als
eine körperlich passive. Entscheidend ist auch, wie eine Frau zu
ihrer Schwangerschaft eingestellt ist, ob sie ungewollt ist oder die beglückende
Erfüllung ihrer Wünsche; ... wie ihre gesamte Lebenssituation
ist. ... Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist eine Art "Tiefenkommunikation".
Es handelt sich einerseits um hormonale und auf andere Weise biochemisch
übermittelte körperliche Zustände, außerdem aber
um eine Kommunikation, für die es keine rationale Erklärung
gibt. ... Man hält es zum Beispiel für möglich, daß
sie gemeinsam zu einer "Übereinkunft" über den Zeitpunkt
der Geburt kommen. ...
(M.S.:) Schütten Sie mit Ihrem Buch nicht Wasser auf die Mühlen
der Abtreibungsgegner?
(M.K.:) Zu wissen, wie lebendig der Fötus im Mutterleib ist, müßte
uns alle mobilisieren, Sorge dafür zu tragen, daß Frauen nicht
ungewollt schwanger werden. Außerdem finde ich, daß eine Frau,
die sich zum Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft entschließt,
weil sie die Verantwortung für ein Kind angesichts der Menschenfeindlichkeit
unserer Welt nicht übernehmen will, verantwortungsvoller handelt
als diejenigen, die sie deshalb anprangern. ... Ein Kind, das seinen Eltern,
besonders seiner Mutter eine Last ist, kann nur in Ausnahmefällen
zu einem Menschen heranwachsen, der mit sich und der Welt eins ist. Mein
Buch ist ein Versuch, diese Zusammenhänge deutlich zu machen.
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